Lange habe ich mit mir gehadert, ob ich heute zu Little Simz gehe. Einerseits könnt’s ganz gut werden. Andererseits: Velodrom. Einerseits hat insbesondere das letzte Album schon ein paar sehr groovige Tracks. Andererseits über sechzig Öcken. Ach was soll’s, noch schnell über Kleinanzeigen ein Ticket gezockt. Schlimmstenfalls hab ich Grund zum Meckern.
Velodrom finde ich aufgrund der ewigen Wartezeiten wie gesagt eher abschreckend. Die langen Fußwege fühlen sich zwar immer noch an wie am Frankfurter Flughafen. Aber da ich mich an meinen Tipp vom letzten Mal gehalten habe und diesmal ohne Gepäck angereist bin, geht’s zumindest vergleichsweise schnell durch die Security. So bekomme ich auch noch den Support mit.

Das ist heute BINA., die ganz allein auf der riesigen, kahlen Bühne zu Backing-Track singt. Ganz okay, um mich schonmal einzugrooven, auch wenn mir musikalisch nicht viel hängen geblieben ist. Ihren Stil tituliert sie als „soft rage“, aber damit bin ich auch nicht schlauer. Ich würde das meiner Erinnerung nach in der RnB-Richtung verorten. Da der Shit aber offenbar so hot (und der Name so wenig prägnant) ist, dass ich dazu kaum was auf den Streaming-Diensten finde, kann ich’s gerade nicht mehr verifizieren. Vielleicht suche ich später mal mit mehr Nachdruck.
Ich kann gerade nicht mehr rekonstruieren, wie ich eigentlich auf Little Simz gestoßen bin. Rap ist nicht unbedingt das Genre, das Leuten als erstes einfällt, die meinen Musikgeschmack kennen. Als erstes ihrer Stücke hat’s jedenfalls vor ein paar Jahren der Titel „Selfish“ in meine Sammlung geschafft. Der enthält auch so ziemlich alles, was mich an Little Simz begeistert: ein grooviger Track, schwelgerischer Gesang (meist von Gastsänger*innen beigesteuert), und dazu der Flow der Künstlerin selbst. Worüber sie da eigentlich rappt, könnte ich zugegeben nicht sagen, da ich mich mit den Texten nicht besonders auseinandersetze. Aber rein musikalisch und rhythmisch geht mir das ins Ohr und in die Beine.
Im Unterschied zum Support ist schonmal anzumerken, dass sie hier mit einer Band auf der Bühne steht, und nicht nur zur Konserve rappt. Neben der Künstlerin gibt’s noch eine Bassistin, einen Gitarristen, einen Schlagzeuger und einen an den Tasten. Könnte der Instrumentierung nach auch eine Rock-Combo sein, aber tatsächlich interpretieren sie einen großen Teil des Grooves, über den Little Simz dann ihre Texte legt.

Zum Einstieg gibt’s gleich mal „Thief“, den Opener-Kracher des aktuellen Albums „Lotus“. Darauf folgen dann ein paar Stücke aus ihrem Œvre, die zum Mittwippen einladen, mir aber weniger geläufig sind. Spätestens bei „Introvert“ bin ich aber wieder voll auf Spur. Zur Mitte des Konzerts wird ein DJ-Pult auf die Bühne gefahren und es folgt ein kurzer Elektro-Abriss der Künstlerin, den ich auf diesem Konzert nicht erwartet hätte. Die Frage, ob das so funktioniert hat, wird von der Menge zwar frenetisch bejaht, ich würde das aber zugegeben nicht unterschreiben.
Bis hierher bin ich noch gespaltener Meinung über den heutigen Abend. Die Knaller reißen mich mit, aber zwischendurch gibt’s immer mal ein paar Hänger. Und gefühlt haben die Leute direkt neben mir noch mehr words-per-minute als die Frau da auf der Bühne.
Das ändert sich aber merklich, nachdem das Pult wieder von der Bühne verschwunden ist und sich die vier Musiker*innen wieder dazugesellt haben. Denn die zweite Hälfte des Konzerts besteht quasi nur noch aus Highlights, die auch endlich die Laberköppe neben mir verstummen lassen. Darunter fällt das gechillte „Only“ mit der glockenhellen Stimme von Lydia Kitto als Gastsängerin, die man vielleicht aus ihrer jüngeren Zusammenarbeit mit den Jungs von Jungle kennt. Und auch mein persönliches Highlight des Abends, das titelgebende Stück des aktuellen Albums, bei dem unter anderem auch der von mir ja sehr geschätzte Michael Kiwanuka mit am Start ist – und mit Yussef Dayes ein junger Jazz-Drummer, der mir aus seiner Kollaboration mit Tom Misch auch in guter Erinnerung ist.
Fazit
Nicht alles hat für mich funktioniert und die Pausen zwischen den Stücken hätten auch kürzer ausfallen können. Aber die Highs waren schon sehr weit oben. Emotional berührend und tanzbar zugleich. Hat sich also gelohnt.
