Der Algorithmus eines bekannten Streaming-Diensts war vor etwa einem Jahr der Meinung, dass mir das Stück „Soft“ von Mel D gefallen könnte – und hatte Recht damit. Zu dem Zeitpunkt gab’s von ihr nur eine Handvoll Stücke, aber ein paar davon fanden ihren Weg in meine Sammlung. Und weil mein Konzertkalender dieses Jahr noch nicht so gefüllt war, hab ich mir mal ein Ticket geholt. Schlimmstenfalls wird’s halt unter „ganz nett“ verbucht und gut is‘.
Als ich das LARK kurz vor 8 betrete, stehen eine Handvoll Leute verteilt im sowieso schon sehr überschaubaren Raum. Achherrje, worauf hab ich mich denn hier eingelassen? Ich fühle mich an einen traumatischen Abend in der Berghain-Kantine vor fast zehn Jahren erinnert. Ich setze mich also erstmal an den Rand und überdenke nochmal diese Entscheidung.

Ein paar Leute mehr kommen zumindest noch, bis die Bühne für einen Support freigegeben wird. Dabei handelt es sich um Meret Ester. Die Berlinerin spielt solo mit E- und Akustikgitarre einige Lieder ihres Debutalbums „Taken by Surprise“. Und ich muss zugeben, das hat was; ich fühle mich bei den Gitarrenparts ein bisschen an Mazzy Star erinnert. Das Publikum ist von Beginn an so ruhig, dass man eine Stecknadel fallen hören kann. Außerdem hat Ester offenbar noch ihren eigenen Support im Publikum, der eines der Stücke schnipsend begleitet und sogar in Harmonie mitsingt. Ich bin ernsthaft gerührt. Abgesehen von „The Magician“ habe ich mir zwar keinen Songtitel merken können, aber ich werde mich mal durchhören.
Als dann Mel D mit kleiner Band die Bühne betritt, ist das LARK zwar nicht rammelvoll. Aber zumindest sind genügend Leute da, dass mir die Künstlerin nicht mehr Leid tun muss, dass sie dafür aus der Schweiz angereist ist. Ich kann mich also auf die Musik konzentrieren.
Los geht’s mit „Changing“, einem vergleichsweise ruhigen Stück, bei dem ich schonmal den harmonierenden Gesang der drei Leute auf der Bühne bewundern kann. Mit dabei ist noch Naiara Balmer am Bass und Mario Hänni an Schlagzeug, Synthies und „Zauberei“, wie Mel D in der Vorstellung erwähnt. Außerdem folgert sie ihres Namens wegen schonmal, dass sie das nächste Spice Girl sein müsste – und nimmt mir so einen Gag vorweg, den ich mir extra für diese Konzertkritik zurechtgelegt hatte. Hmpf. Es stellt sich jedenfalls heraus, dass die Frau entgegen meiner Erwartung keine deprimierte Schlafzimmermusikerin ist, sondern durchaus Entertainer-Qualitäten hat. Ihre dreckige Lache ist in jedem Fall sehr erheiternd und beschert mir immer wieder ein breites Grinsen.
Und auch musikalisch kann sich das heute hören lassen. Ich war ja schon bei Meret Ester sehr vom Sound im LARK beeindruckt, und das setzt sich auch beim Set von Mel D fort. Insbesondere die Stimme hat es mir heute angetan. Scheinbar mühelos changiert sie zwischen ruhigen Passagen, teils komplett ohne Instrumentenbegleitung und mit wohlklingendem Timbre, und lauten, geradezu geschrienen Punk-artiken Ausbrüchen. Man merkt ihr und der Band an, dass sie mit Verve bei der Sache sind.
Zu einer der flotteren Nummern begibt sich sogar Meret Ester zum Tanzen vor die Bühne. Das nenne ich mal Support mit Herzblut – und einen Moment, wie man ihn wohl nur in so einem überschaubaren Laden erleben kann. Mein Highlight des Abends ist aber „Bring the Witches back“ als letztes Stück, dessen Refrain anschließend vom Publikum so lange weiter gesungen wird, bis die Band für die Zugabe zurück kommt.
Fazit
Mit Pipi in den Augen geht’s zurück in die kalte Oktobernacht, mit dem Gefühl, heute bei etwas besonderem dabei gewesen zu sein. Unerwartet geil.

