GoGo Penguin: Koyaanisqatsi (Huxley’s Neue Welt)

Konzertkritik: GoGo Penguin: Koyaanisqatsi
Price:
41,50 €

Reviewed by:
Rating:
5
On 22. Oktober 2019
Last modified:30. Dezember 2019

Summary:

Ein bewegender Film mit hervorragender neuer Musik untermalt, die dem Original in nichts nachsteht. Meine Begeisterung für die drei unscheinbaren Jungs von GoGo Penguin ist noch einmal gewachsen.

Bei GoGo Penguin war ich ja mittlerweile schon gelegentlich. Aber diesmal steht kein gewöhnliches Konzert an. Die drei haben sich stattdessen vorgenommen, den Experimentalfilm Koyaanisqatsi live zu vertonen. Ob das auch ohne den legendären Score von Philip Glass funktioniert?

Wer Koyaanisqatsi nicht kennt… hat was verpasst. Den Film sah ich vor elf Jahren schonmal und fühlte mich sogar dazu bemüßigt eine Kritik zu schreiben. Kurzversion: eine Erfahrung, hat durchaus Längen, sollte man aber mal auf sich wirken lassen. Den oben erwähnten Soundtrack von Philip Glass habe ich ganz gut in Erinnerung, weiß aber auch, dass er in einzelnen Passagen ziemlich auf die Nerven schlug. Seit damals hat sich mein Horizont natürlich erweitert. Eine gute Gelegenheit also, sich den Film nochmal anzuschauen, erst recht, wenn er live neu vertont wird.

Los geht es mit langsamen, arhythmischen Klavierklängen, eine Melodie ist nicht auszumachen, Skepsis breitet sich in mir aus. Wenn das jetzt anderthalb Stunden so geht, wird das eine recht langatmige Veranstaltung. Zumindest die ersten Minuten bleibt es tatsächlich dabei, der Film schweift über den Grand Canyon, Death Valley, Wüsten und schroffe Felsen. Ich spüre die unangenehme Lehne des Plastikstuhls in meinem Rücken, der nach Prinzipien des Hostile Designs entworfen sein muss.

Als sich allerdings die Szenerie zu einem der ersten Höhepunkte des Films ändert, zu beeindruckenden Vulkan-Fumarolen, Wolkenmeeren, Wasserfällen, wird auch die Musik zugänglicher und eindringlicher. Aus vereinzelten Klängen fügt sich ein koheräntes Stück Musik mit treibendem Rhythmus, das auch eindeutig den Stempel von GoGo Penguin trägt. Meine Skepsis verfliegt, nach dem holprigen Einstieg kann ich nun Film und Musik als Einheit wahrnehmen und auf mich wirken lassen.

Der Film gibt durch seine aneinandergereihten Aufnahmen ohne Handlung genug Zeit, sich allerlei Gedanken zu machen. Einerseits natürlich über das offensichtlich zu sehende, aber auch über das, was durch Reihenfolge und Kontextualisierung der Szenen ausgedrückt wird. Ein schönes Beispiel, um sich mal den Kuleschow-Effekt zu vergegenwärtigen.

Zum zweiten komme ich natürlich nicht umhin, den Original-Soundtrack und den von GoGo Penguin zu vergleichen. Die Musik heute kam mir an keiner Stelle bekannt vor, ich vermute also, dass der Score komplett neu geschrieben wurde und keine Adaption der Musik von Philip Glass ist. Bei einigen Szenen hätte ich zwar eine andere Stimmung der Musik erwartet. Da ich aber den Original-Score nicht auswendig kenne und nicht weiß, was wann gespielt wurde, kann ich auch nicht beurteilen, ob diese Bild-Ton-Schere auch schon im Original bestand und sogar beabsichtigt war.

Was mich drittens rein technisch sehr beeindruckt hat, ist, wie auf den Punkt die Musik gespielt wurde. Man hätte den Film sicherlich auch mit ein bisschen Hintergrundgedudel wirken lassen können, die Bilder sind mächtig genug. Allerdings gibt es zahlreiche abrupte Szenenwechsel, die perfekt mit Wechseln in der Musik korrespondieren. Aus dem Spielfluss heraus live genau die richtigen Momente für einen Akzent herauszuspielen nötigt mir eine Menge Respekt ab.

Soweit zu dem, was der Verstand über die Veranstaltung zu vermelden hat. Dauerhafter in Erinnerung wird mir allerdings die emotionale Wirkung bleiben. Obwohl ich wusste, was ich (zumindest optisch und inhaltlich) zu erwarten habe, hat mich der Film heute mehr berührt als vor elf Jahren. Mich ließ der Gedanke nicht mehr los, dass in einer Zukunft, wenn es die Menschheit nicht mehr gibt, irgendein Wesen auf diesen Film stoßen und damit ein recht gutes Zeugnis davon bekommen wird, was die Menschen so ausgemacht hat. Ich möchte aber niemandem die eigenen Erfahrungen und Gedanken vorwegnehmen.

Ich bin am Ende des Films jedenfalls ziemlich aufgelöst. Nach ausgiebigem Applaus ging viel zu schnell das Licht und die Musik vom Band an und ich muss mit meinem Kloß im Hals durch die Menschenmenge raus aus dem Saal. Das wäre in einem Kino besser gewesen, wo man sich während des Abspanns sammeln kann. Zum Glück ist es draußen schon dunkel.

Fazit

Ein bewegender Film mit hervorragender neuer Musik untermalt, die dem Original in nichts nachsteht. Meine Begeisterung für die drei unscheinbaren Jungs von GoGo Penguin ist noch einmal gewachsen.


Trailer „Koyaanisqatsi“ (Musik: Philip Glass) on YouTube

5
Ticketpreis: 41,50 €

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